Votum: ‚Der 5. Offizielle‘ statt Torlinientechnik

Es ist nicht gerade populär dagegen zu sein (vgl. Fanorakel), aber die Ablehnung der Torlinientechnik ist richtig – allerdings sind die benannten Argumente wenn auch nicht ganz falsch, aber doch insgesamt unzureichend. Denn das Problem ist ja da, nur die Lösung taugte nicht.

Hauptargument gegen die Einführung: Zu teuer für zu wenig Effekt. Und das ist im Grunde auch richtig, wie das Trainer Baade auch zutreffend zusammenfasst. Für ein Problem, das man statistisch im Schnitt alle 20 Jahre nur beheben müsste, so einen Aufwand zu betreiben und zugleich den Fußball so in seinen Grundfesten der Tatsachenentscheidung zu erschüttern, ist die Torlinientechnik ein klassisches „mit Kanonen auf Spatzen schießen“ – oder eben: Aktionismus. Ein Aktionismus befeuert von einer Medienhysterie, die, ebenfalls von Trainer Baade treffend aufgezeigt, eigentlich Teil des Konzepts ist. Die Medien eskalieren die Fehlentscheidung, weil ihr Zweck die Eskalation ist, denn Eskalation ist deren Geschäft. Die Einführung der Torlinientechnik hätte am Ende viel Geld verblasen und den Medien nur einen Aufreger beraubt in einem Sport, der nur mit viel gutem Willen überhaupt ausreichend aufblasbar ist, um daraus ein 24/7 Unterhaltungs-Programm zu befeuern.

Wenn man bei SPON also titelt: „DFL-Absage an Torlinientechnik: Klare Fehlentscheidung„, weil man damit den (armen) Schiedsrichter weiter allein in der großen Medienwelt stehen ließe, dann argumentiert man mit den richtigen Argumenten für die falsche Sache. Denn die Einführung einer solchen Technik hätte doch nicht das Problem behoben – es hätte einen Teil des Problems behoben, dazu einen eher statistisch vernachlässigbaren, wenn auch im Fall der Fälle sehr spektakulären.

Der Vergleich mit der Einführung der Umweltplakette in deutschen Städten mag an vielen Stellen hinken, in einem Punkt aber nicht: Man erkennt einen Missstand, ein Problem, spürt (medial befeuert) den politischen Druck zu handeln, wägt unter unzähligen Möglichkeiten ab, um dann am Ende etwas zur Entscheidung vorzulegen, was nach Außen irgendwie schlüssig klingt, im Kern aber kaum an das Problem herangeht und vor allem mit möglichst viel Aufwand möglichst wenigen weh tut. In der Politik nimmt man das Geld aus der Staatskasse, daher ist das am Ende nicht relevant, bei den Fußballvereinen hätten die die Zeche selber zahlen müssen und lehnten daher zu Recht ab. Für solche Alibi-Projekte Geld aus dem Fenster pulvern – Nein.

Warum der SPIEGEL trotzdem Recht hat: In einer Zeit, wo nach Sekunden das halbe Stadion schon mehr weiß als der Schiedsrichter am Platz, ist der Einwand der Traditionalisten eine Farce. Der Schiedsrichter wird zur Zielscheibe eines Blinde-Kuh-Spiels, bei dem der Zuschauer und die Medien beiwohnen dürfen, ob der Unparteiische den Topf am Ende mit verbundenen Augen zielsicher trifft, was ihm aufgrund seiner Ausbildung und Schärfung der Sinne im Übrigen bemerkenswert oft gelingt. Bei Collinas Erben wurde neulich ein Beispiel besprochen, wo eine Stadiondurchsage zur Pause durchgab, dass eine bestimmte Entscheidung in Halbzeit 1 falsch war. Ein Verstoß gegen die Stadionregeln und folglich zu unterlassen – aber am Ende doch nur etwas, was ja jeder schon weiß. Via Twitter & Co. wird heute ad hoc mitgeteilt ob ein Abseits auch Abseits war – von den Zuschauern zu Hause am Bildschirm.

Die Ablehnung der Torlinientechnik ist richtig, weil sie zu kurz greift und in die falsche Richtung geht. Es geht nicht um die technische Lösung von Einzelproblemen, es geht um die Unterstützung der Unparteiischen um sie auf den gleichen Stand wie die Zuschauer zu bringen. Und genau dies legitimiert auch den Unterschied zum Amateuerfußball. Wo alle Beteiligten sich nur auf die Tatsachenentscheidung berufen können, ist es legitim dies durch einen Unparteiischen bestimmen zu lassen. Wo aber bereits ein unglaublicher medialer Aufwand betrieben wird, dort sollte dies auch dem Schiedsrichter zu seiner Entscheidungsfindung zur Verfügung stehen.

Das Argument: Der Fußball lebe auch von Fehlentscheidungen, macht die Schiedsrichter zum Spielball medialer Entrüstung. Es schützt sie nicht, es opfert sie dem Bedürfnis der Medien nach Aufregern, um sie dann genau mit den Mitteln vorzuführen, die dem Schiedsrichter bei der Entscheidungsfindung verwehrt werden. Für eine echte Lösung gibt es viele Modelle vom Schiedsrichtertribunal bishin zu technischen Visionen mit Datenbrillen, die naheliegendste und wahrscheinlich in 90 % einfachste Lösung ist und bleibt aber der „5. Offizielle“, ein weiterer Schiedsrichter, der sich schlicht und ergreifend dessen bedient, was jeder im Schneideraum einer Fernsehanstalt auch zur Verfügung hat. Sieht er eine klare Fehlentscheidung, eine ungesehene Tätlichkeit, ein Vorkommnis im Rücken des Schiedsrichters, signalisiert er das genau so wie der Linienrichter am Spielfeldrand. Der kann dann per Headset nachfragen, kann seine Entscheidung korrigieren, im Zweifel am Monitor neben dem Spielfeldrand überprüfen oder schlicht ignorieren, wenn er dem nicht folgen will. Keine kruden Lösungen wie die Challenge im Tennis, einfach eine Unterstützung des Schiedsrichters unter Ausnutzung aller Mittel, die schlicht zur Verfügung stehen.

Mit dem „5. Offiziellen“ bliebe alles wie gehabt. Keine teuren Anschaffungen, der Hauptschiedsrichter bleibt Herr des Geschehens, keine Regeländerung, keine großen Verzögerungen jenseits dessen, was auch aktuell bei einer Rücksprache zwischen den Unparteiischen erfolgen würde. Dies würde vielleicht keine 100% bedeuten, die es im Übrigen gar nicht geben kann, denn viele Entscheidungen sind auch nach Zeitlupe nicht wirklich zu klären, aber es würde die ganz krassen Fehler und versteckten Unsportlichkeiten eliminieren, die ja eigentlich keiner im Sport sehen will. Die Grenzbereiche ließen noch genug „Reiz der Fehlentscheidung“ und der Schiedsrichter wäre zumindest auf den Stand eines Zuschauers am Fernsehsessel oder mit einem Smartphone in der Hand.

Bleibt nur die Frage: Warum zieht man eine Torlinientechnik überhaupt in Erwägung, malt mit Spraydosen Linien auf den Rasen, stellt zusätzliche Assistenten neben Pfosten, die am Ende so gut wie nie aktiv werden, kann sich aber mit dem naheliegendsten, wie eben einen „5. Offiziellen (aka Videoschiedsrichter)“, das zudem so gut wie nichts kosten würde, so wenig anfreunden?

Fußball ist kein schöner Sport

90 Minuten Fußball ist langweilig. Darum schauen viele lieber die Zusammenfassung der Tore oder verfolgen die Konferenz.

Gegenfrage: Welcher Sport ist denn “schön anzuschauen”? Wenn sich beim Eishockey dick eingepackte Kraftpakete an die Wand knallen und um ein schwarzes Ding kämpfen, das man mit bloßen Auge oft nicht mal verfolgen kann? Basketball? Wenn 2-Meter-Menschen in trotzdem noch zu großen T-Shirts hin und herlaufen um einen orangenen Ball in ein Körbchen zu werfen? Skispringen? Reiten? Tennis? plopp – plopp – plopp – plopp – ahhhhh.

Da ist Fußball ja fast noch unterhaltsam gegenüber so manchem anderen Wettbewerben. Es sei denn man begeistert sich bspw. für Menschen die sich im Kreis wie verrückt drehen um dann eine Scheibe oder eine Kugel an einer Kette möglichst weit weg zu werfen.

Man versuchte aus Fußball nur einfach mehr zu machen als da ist. Angefangen hat das so richtig bei RAN im Jahr 1986, wo man im Folgenden versuchte aus dem sonst üblichen (drögen) Sportschau-Format eine Show zu machen. Und je mehr man dafür an Lizenzen auf den Tisch legte, desto mehr musste aus dem ganzen auch gemacht werden. Jeden Spieltag ein “Top-Spiel”, alles unter 200km Distant ein Derby, keine Fehlentscheidung ohne eine Diskussionsrunde unter “Experten”.

Fußball hat sich nicht so sehr verändert, jedenfalls nicht im Sinne des Unterhaltungswertes. Und trotzdem sehe ich es gerne an. Weil es spannend ist, weil man nie genau weiß, was passiert. Und ich schau mir auch gern E- und D-Jugend-Spiele an – aber auch da brauch ich eine emotionale Beteiligung (in dem Fall mein Sohn), und auch in dem Fall brauche ich ein gewisses Maß an Wissen, damit mir das Spiel Spaß macht zuzusehen. Dann wird es nämlich auch zu einer Art Schach, wenn du weißt was Trainer A und B vorhaben, wie sie ihre Systeme variieren um Finten zu parieren. Und das ganze dann noch mit “lebenden” Figuren, die Fehler machen, die mal etwas überraschendes auspacken.

Nein. Fußball ist überhaupt nicht langweilig und “schön” ist einfach der falsche Begriff. Es ist ein Sport, das scheinen einfach viele zu vergessen. Sport ist nicht darauf ausgelegt zu unterhalten, sondern sich zu messen – und dieses sich messen kann unterhaltsam sein, muss es aber nicht, weil es per se nicht sein Ziel ist. Will man was anderes, kann man sich bei den Erfahrungen mit Wrestling bedienen.

Leider obsiegt bei mir bisweilen die emotionale Befangenheit allerdings dann zu sehr, so dass ich eher die Faszination des Sports aus den Augen verliere und nur noch wie ein Kaninchen vor dem Bildschirm harre. Aber gelangweilt habe ich mich bei einem Spiel meines Herzensverein eigentlich wirklich noch nie.

Fußball-Lebens-Abschnittsgemeinschaften

Kaum ist ein Spieler über eine halbe Saison mal vorne dabei, schon fürchten Fans landauf, landab die Abwerbungsversuche, die dienstfertig auch sofort von den Medien befeuert werden. Ob dann von Beratern lanciert, medialen Phantasien entsprungen oder schlicht von erfundenen Journalisten gestreut. Ist da denn keiner mehr, der den Bund für’s Leben mit seinem Verein schließt?

Man muss sich wohl generell von der Romantik früherer Tage lösen – und das ist nicht mal desillusioniert gemeint. Vielleicht muss man es ähnlich wie das moderne Eheverständnis in Deutschland sehen. Fast 40% der heute geschlossenen Ehen überstehen statistisch keine 25 Jahre – früher war das sicher mal anders. Früher hat man eben auch bei seinem Verein angefangen und nur dann den Verein gewechselt, wenn irgendwas ganz Verrücktes passierte, allein schon weil man ja da kickte, wo der „echte“ Arbeitsplatz war und man im Fußball so viel nicht verdiente. Früher hat man aber auch eben diesen „echten“ Arbeitsplatz ganz generell nicht gewechselt wie manche heute die Hemden, die Zeiten waren halt anders.

Die „moderne“ Gesellschaft ist eine „Lebensabschnittsgesellschaft“ geworden. Man teilt Bett, Arbeitsplatz und (als Fußballer) eben auch Verein nur für eine gewisse Dauer. In der Zeit versucht man das Maximale aus und für sich rauszuholen und schaut dann weiter bzw. währenddessen gern auch schon mal nach nächsten Optionen. Karriereplanung nennt man das. So werden unsere Kids heute großgezogen, von Medien berieselt, von Beratern beraten. Läuft es in der Ehe nicht mehr rund, dann wird sich halt getrennt, geht es im Beruf nicht mehr weiter, wechselt man eben woanders hin – Fußballer sind da auch nicht anders, wieso sollten sie auch. Das „Spiel“ ist ja gegenseitig. Auch der Partner verlässt einen, wenn die gewünschte Dauer-Zufriedenheit nicht erreicht wird, und der Verein verlängert deinen Vertrag nicht, wenn er von einem nachrückenden Spieler mehr erwartet oder der für weniger Geld das gleiche liefert. Wer heute 20 Jahre bei seiner Firma ist (oder dabei nicht mindestens Teilhaber wurde), gilt als „bequem“ und mit „fehlendem Ehrgeiz“.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Auch manche Ehen halten, auch ganze Berufsleben vergehen ohne Wechsel und auch Fußballer bleiben vom Jungspieler bis Karriereende – aber selbst das ist nicht immer und durchgehend romantisch motiviert, manchmal ist es eine Zweckgemeinschaft, manchmal fehlte es auch einfach nur an Alternativen.

Und jedem ist ja unbenommen seinen Idealen zu folgen, als Verein und als Spieler – und manchmal auch zusammen. Man muss also nicht aufhören an die große Liebe, die Loyalität und die Vereinstreue zu glauben, man muss nur aufhören es (von anderen) zu erwarten. Wenn es so kommt und alle glücklich sind, dann ist es ein Geschenk – und im Fußball eine Legende geboren. Aber wenn nicht, dann muss man sich auch damit arrangieren. Und manches mal bekommen Dinge später auch eine zweite Chance, da sollte man vielleicht nicht zu schnell die Tür für immer zumachen. Fans sind da sehr schnell dabei, den „Judas“ zu verbannen…

Man darf sogar davon ausgehen, dass man Spielern wie aktuell dem Schweizer Drmic oder Kiyotake beim 1. FC Nürnberg, die „Durchgangsstation“ sogar extra als solche schmackhaft machte, genau DAMIT sie zum FCN kommen. Man bietet diesen Talenten eine Chance, verspricht ihnen Weiterentwicklung und(!) auch die Möglichkeit sich für größere Aufgaben zu empfehlen und so Spieler wie Verein zu einer „Win-Win-Situation“ zu verhelfen. ‚Du spielst erfolgreich bei uns, wir lassen dich dann ziehen, alle verdienen gut dabei.‘ Wäre es denn wirklich besser, wenn Kiyotake heute noch bei Katiora FC kickte, ein Drmic bei FC Rapperswil-Jona oder ein Miro Klose bei SG Blaubach-Diedelkopf? Nein, die Spieler waren ehrgeizig genug um den nächsten Schritt zu machen. Soweit die Füße eben tragen – den einen bis in die Champions League, der andere stolpert beim kleinen Bundesligaverein schon über selbige und er muss erkennen, dass es für ganz oben doch nicht reicht.

Eine Fußball-Zweckgemeinschaft, die durchaus auch mit Zuneigung und Identifikation ausgefüllt sein kann – auch wenn dem Ganzen der echte Pathos vielleicht fehlt. Ein Pathos, den mancher Fan sich doch so gerne wünschte. Das darf er auch, denn es ist vielleicht eines der wenigen Dinge, die sich im Leben dann doch nie ändern: Die Liebe des Fan zu seinem Verein.

Aber vielleicht auch nur deshalb, weil es außerhalb der gemeinsamen 90 Minuten nicht um das eigene Leben geht.