Fußball-Lebens-Abschnittsgemeinschaften

Kaum ist ein Spieler über eine halbe Saison mal vorne dabei, schon fürchten Fans landauf, landab die Abwerbungsversuche, die dienstfertig auch sofort von den Medien befeuert werden. Ob dann von Beratern lanciert, medialen Phantasien entsprungen oder schlicht von erfundenen Journalisten gestreut. Ist da denn keiner mehr, der den Bund für’s Leben mit seinem Verein schließt?

Man muss sich wohl generell von der Romantik früherer Tage lösen – und das ist nicht mal desillusioniert gemeint. Vielleicht muss man es ähnlich wie das moderne Eheverständnis in Deutschland sehen. Fast 40% der heute geschlossenen Ehen überstehen statistisch keine 25 Jahre – früher war das sicher mal anders. Früher hat man eben auch bei seinem Verein angefangen und nur dann den Verein gewechselt, wenn irgendwas ganz Verrücktes passierte, allein schon weil man ja da kickte, wo der „echte“ Arbeitsplatz war und man im Fußball so viel nicht verdiente. Früher hat man aber auch eben diesen „echten“ Arbeitsplatz ganz generell nicht gewechselt wie manche heute die Hemden, die Zeiten waren halt anders.

Die „moderne“ Gesellschaft ist eine „Lebensabschnittsgesellschaft“ geworden. Man teilt Bett, Arbeitsplatz und (als Fußballer) eben auch Verein nur für eine gewisse Dauer. In der Zeit versucht man das Maximale aus und für sich rauszuholen und schaut dann weiter bzw. währenddessen gern auch schon mal nach nächsten Optionen. Karriereplanung nennt man das. So werden unsere Kids heute großgezogen, von Medien berieselt, von Beratern beraten. Läuft es in der Ehe nicht mehr rund, dann wird sich halt getrennt, geht es im Beruf nicht mehr weiter, wechselt man eben woanders hin – Fußballer sind da auch nicht anders, wieso sollten sie auch. Das „Spiel“ ist ja gegenseitig. Auch der Partner verlässt einen, wenn die gewünschte Dauer-Zufriedenheit nicht erreicht wird, und der Verein verlängert deinen Vertrag nicht, wenn er von einem nachrückenden Spieler mehr erwartet oder der für weniger Geld das gleiche liefert. Wer heute 20 Jahre bei seiner Firma ist (oder dabei nicht mindestens Teilhaber wurde), gilt als „bequem“ und mit „fehlendem Ehrgeiz“.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Auch manche Ehen halten, auch ganze Berufsleben vergehen ohne Wechsel und auch Fußballer bleiben vom Jungspieler bis Karriereende – aber selbst das ist nicht immer und durchgehend romantisch motiviert, manchmal ist es eine Zweckgemeinschaft, manchmal fehlte es auch einfach nur an Alternativen.

Und jedem ist ja unbenommen seinen Idealen zu folgen, als Verein und als Spieler – und manchmal auch zusammen. Man muss also nicht aufhören an die große Liebe, die Loyalität und die Vereinstreue zu glauben, man muss nur aufhören es (von anderen) zu erwarten. Wenn es so kommt und alle glücklich sind, dann ist es ein Geschenk – und im Fußball eine Legende geboren. Aber wenn nicht, dann muss man sich auch damit arrangieren. Und manches mal bekommen Dinge später auch eine zweite Chance, da sollte man vielleicht nicht zu schnell die Tür für immer zumachen. Fans sind da sehr schnell dabei, den „Judas“ zu verbannen…

Man darf sogar davon ausgehen, dass man Spielern wie aktuell dem Schweizer Drmic oder Kiyotake beim 1. FC Nürnberg, die „Durchgangsstation“ sogar extra als solche schmackhaft machte, genau DAMIT sie zum FCN kommen. Man bietet diesen Talenten eine Chance, verspricht ihnen Weiterentwicklung und(!) auch die Möglichkeit sich für größere Aufgaben zu empfehlen und so Spieler wie Verein zu einer „Win-Win-Situation“ zu verhelfen. ‚Du spielst erfolgreich bei uns, wir lassen dich dann ziehen, alle verdienen gut dabei.‘ Wäre es denn wirklich besser, wenn Kiyotake heute noch bei Katiora FC kickte, ein Drmic bei FC Rapperswil-Jona oder ein Miro Klose bei SG Blaubach-Diedelkopf? Nein, die Spieler waren ehrgeizig genug um den nächsten Schritt zu machen. Soweit die Füße eben tragen – den einen bis in die Champions League, der andere stolpert beim kleinen Bundesligaverein schon über selbige und er muss erkennen, dass es für ganz oben doch nicht reicht.

Eine Fußball-Zweckgemeinschaft, die durchaus auch mit Zuneigung und Identifikation ausgefüllt sein kann – auch wenn dem Ganzen der echte Pathos vielleicht fehlt. Ein Pathos, den mancher Fan sich doch so gerne wünschte. Das darf er auch, denn es ist vielleicht eines der wenigen Dinge, die sich im Leben dann doch nie ändern: Die Liebe des Fan zu seinem Verein.

Aber vielleicht auch nur deshalb, weil es außerhalb der gemeinsamen 90 Minuten nicht um das eigene Leben geht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.