Ballbesitz, das strafbare Zeitspiel

Als sich Sepp Maier noch auf den Ball warf, der ihm vom Kaiser zugeschoben wurde, und man so die Minuten runterspulte, dachte man sich wohl schon: So kann Fußball nicht ewig weitergehen. Und tatsächlich: Anfang der 90er beendete man das Ganze und stellte das Zeitspiel unter Strafe, indem man es den Spielern einfach schwerer machte und dem Torwart verwehrte, den Ball wieder in die Hand zu nehmen. Seitdem hat das Torwartspiel sich stark verändert und die derwallsche defensive Ballzirkulation, auch Zeitvergeudungstaktik genannt, und in Gijón 1982 perfektioniert und im WM-Finale 1990 vergoldet, fand durch die Einführung der Rückpassregel ein Ende.

Ziel und Zweck: Den Zuschauern ein flotteres Spiel bieten, den Geist des Spiels erhalten. Wenn eine Mannschaft zu lange den Ball oder das Spielgerät besitzt, ohne wirklich zum Unterhaltungswert beizutragen, wird das auch in anderen Sportarten geahndet. Im Handball als „Passives Spiel“, und sogar beim Tischtennis erlöst man ermüdete Zuschauer durch die Regeln der „Wechselmethode“. Im Schachsport kennt man Zeitvorgaben sowieso, aber auch im Baseketball zählt die 24-Sekunden-Regel (bzw. 8-Sekunden-Regel).

Im Fußball ahndete man Zeitspiel dagegen nach Einführung der Rückpassregel nur noch beim ruhenden Ball. Wer sich bei Ein- und Auswechslungen zu lange zu schaffen macht oder beim Ausführen eines Einwurfs oder Freistoßes trödelt, der kann verwarnt werden und die Zeit wird nachgespielt (zumindest theoretisch). Aber was ist, wenn die Mannschaft einfach zu gut ist, um den Ball zu verlieren, aber auch nicht gut genug (oder willens), den Angriffszug zum Abschluss zu bringen?

Wer sich die letzten Erfolge der spanischen Nationalmannschaft besah, der kam nicht umhin das Tiki-Taka zunächst zu bewundern, schnell aber hassen zu lernen. Auch der FC Barcelona trieb dieses Spiel bis zum Exzess, bis es dann endlich zusammen mit ihrem Schöpfer, Pep Guardiola, erfolgreich nach Deutschland importiert wurde. Nun darf sich auch in Deutschland jedes Wochenende eine Mannschaft an 20-30% Ballbesitz erfreuen. Doch auch international erlebte man das gleich im Doppelpack an jenem Dienstag, den 1.4.2014, ohne Scherz, als zeitgleich im Viertelfinale der FC Barcelona auf Atletico Madrid traf und Bayern München auf Manchester United. Nahezu eine Stunde übertrafen sich die Brüder im Geiste mit gleichnamigen Namenskürzel #FCB an Ballbesitz. Ermüdend, langweilig, unerotisch – solange man das nicht gerade selbst Fan war und die Momente des ZEN genießen konnte. Dass nach knapp 1 Stunde dann beide bis dato stets nur hinterherhechelnden Gegner in Führung gingen, durch eine Ecke respektive einen Sonntagsschuß, war dabei noch die Ironie der Geschichte. Für das Rückspiel hat man sogar eine öffentliche TV-Übertragung angedroht.

Stellte sich die Frage: Bräuchte der Fußball auch eine kleine Zeitspiel-Revolution? Ist ein „offensiv ausgerichtetes, aktives“ Zeitspiel nicht gar eine Art Oxymoron, also sich selbst widersprechend? Immerhin liegt es ja am Gegner, den Ballbesitz zu erobern – frei nach Giovanni Trappatoni: „Es gibt nur einen Ball. Wenn der Gegner ihn hat, muss man sich fragen: Warum!? Und ihn sich wieder holen!“. Doch genau da liegt die Krux, wenn der Gegner zu überlegen ist und technisch zu versiert. Und da ist die Analogie zum zwischenzeitlich verbotenen Rückpass vielleicht dann doch nicht weit. Wenn ein System beginnt sich selbst zu verfangen, muss man dagegen etwas unternehmen, damit es sich nicht selbst auffrisst. Spiele wie einst unter Derwall oder beim berühmten italienischen Catenaccio wollte ja auch keiner mehr sehen nach einer Weile. Bei den Passmaschinen aus Spanien und Bayern geht es einem zwischenzeitlich auch so.

Warum nicht über eine zeitliche Limitierung eines Angriffszuges nachdenken? Vielleicht wie im Handball. Wenn über eine gewisse Zeit nicht erkennbar ist, dass wirklich ein Abschluss der Offensivaktion zu erwarten ist, deutet dies der Schiedsrichter erst an und entscheidet dann auf Ballbesitz des Gegners. Ungerecht? Möglicherweise. Aber im Geist des Sports und im Sinne des Zuschauers berechtigt? Immerhin würde es Abschlüsse aufs Tor fördern und auch dem wacker sich verteidigenden Gegner eine kleine Restchance zurückgeben, die zumindest in der Saison 2013/2014 in der Bundesliga nicht mehr ersichtlich war und teilweise schon dazu führte, dass gegnerische Trainer ihre besten Spieler für wichtigere Aufgaben als dieses aussichtslose Unterfangen schonte. Und das kann perspektivisch ja wirklich nun auch nicht im Interesse aller sein.

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