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So viel zu lesen über Deinen Verein. So viele Infos, so schnelle News, so viele Meinungen, Experten, Einschätzungen, Kommentare. Mutmaßungen, Gerüchte, Stimmungslagen und Insider-Infos, bei denen man manchmal weder den Insider noch die Quelle kennt. Ist Sport in den Medien überhaupt noch glaubwürdig? Kann man den Journalisten noch trauen, die am Tropf der Vereine hängen, die sich gar nicht erlauben können objektiv zu berichten aus Angst, man würde dann gar nichts mehr erfahren, weil heute der Verein von einem einzelnen Journalisten gar nicht mehr abhängt, bei so vielen Medien, der einzelne Journalist aber vom Verein. Und was spielen die sozialen Medien für eine Rolle? Wer informiert sich da von wem? Wer ist noch glaubwürdig und wem kann man trauen? Die Antwort vorweg: Nur sich selbst.

Journalismus heute ist sicher nicht einfacher geworden. Da ist zum einen die Schere im Kopf, die man ganz automatisch bekommt, wenn man zu viel weiß und zu lange zusammenarbeitet, selbst wenn es auf zwei Seiten ist (hier Presse, da Verein). Aus Rücksicht auf die Protagonisten, weil man zu viel schon ahnt, wie es wohl gemeint sein könnte, oder weil man die Konsequenzen fürchtet, die man da auslösen könnte.

Dann ist die Sache mit dem Journalismus an sich. Wie glaubhaft ist die deutsche Presse heute noch – wie seriös arbeitet man, wie viel solide handwerkliche Arbeit ist untergegangen im Zeitdruck des Internets, wo man nicht mal mehr bis morgen Zeit hat, bei ständigen Personalkürzungen, beim Bedarf nach Klicks als absolute Maxime.

Und das ganze noch in Konkurrenz zu Social Media, wo alle noch schneller sein wollen und jeder behauptet was zu wissen, nur die wenigsten sich aber darum kümmern, ob das, was sie verbreiten, wirklich fundiert ist. In den sozialen Medien ist noch weniger gewährleistet, dass das, was da behauptet wird, überhaupt stimmt oder sich nur auf Hörensagen bezieht, auf Gerüchte, auf einseitige Informationen. Nur eines ist klar: Irgendwen gibt es immer, der es schon gewusst haben wollte. Es ist ein Hase und Igel Lauf, denn der Journalist verliert, weil der Gegner nicht greifbar ist, eine Masse, wie ein Schwarm aus Heringen, die organisch zu sein scheint, aber auseinander stobt, sobald man es anfassen, es packen und festmachen will. Denn Verantwortung übernehmen will ja keiner. Allein deshalb genießen viele die Anonymität. Schnell kann man da sagen “Der Vorstand hat gestern beim Bäcker gesagt: Der Trainer war ne Pfeife” Wie? War gar nicht der Vorstand? Sah nur so ähnlich aus? Oder hat er doch nur sowas ähnliches gesagt, vielleicht aus dem Kontext gerissen?

Dieses Gemenge ist es, was heute kaum mehr zu durchdringen ist – und auch “zu Recht!” skeptisch machen sollte – skeptisch gegenüber der Presse, vor allem aber gegenüber allem was in sozialen Medien steht. Früher war ne Ente in der Zeitung ein kleiner Skandal, heute fast normal oder man kriegt es kaum noch mit – flugs ist der Artikel von gestern ja auch schon wieder geändert.

Früher war klar: Eine Quelle reicht nicht, man muss recherchieren und es bestätigen lassen. Alles andere war letztendlich Boulevard. Aufgeschnappt, aufgepeppt, rausgehauen – groß, fett, polarisierend. Heute muss ein Lokal-Redakteur, der eine gute Info bekommen hat, sich gut überlegen, ob er das gleich nutzt oder solide nochmal nachrecherchiert – um dann meist festzustellen, dass er dann nur noch dem Boulevard hinterherläuft. Nicht der Große frisst den Kleinen, der Schnelle den Langsamen – so das Dogma des Netzzeitalters.

Wem ist heute zu glauben? Dem, der sich als glaubhaft erwiesen hat! Deshalb glauben wir auch der einen Presse mehr als der anderen – egal ob regionales Blatt oder Boulevard. Soziale Medien können da dann sogar sehr hilfreich sein und eben nicht nur Gerüchteschleudern – indem man sich selbst ein Bild macht und Nachrichten bewertet, unabhängig, mit genug Einblick, ohne vereinnahmt zu sein, mit der Mischung aus Außen- und ein bisschen Innensicht. Aber diese Glaubwürdigkeit kann man nicht einfordern, diese Glaubwürdigkeit muss man sich erarbeiten, verdienen. Und sie ist mehr denn je heute an Personen gebunden, weniger an Institutionen, Verlagen oder Redaktionen.

Wer ein Fanprojekt betreibt, ein Blog oder Fanmagazin, der sollte sich nicht von jeder Schlagzeile umhauen lassen, sich nicht manipulieren lassen. Man muss sich Eigenständigkeit bewahren und größere Themen auch mal kritisch und kontrovers intern diskutieren, bevor man posted, manchmal im größeren, manchmal im ganz kleinen Kreis, bevor man einer Meldung glauben schenkt und das auch so zum Ausdruck bringen. Das ist dann auch nicht der Weisheit letzter Schluss, aber mehr als nur eine Meinung vom Frühstückstisch nach Lektüre der Morgenzeitung. Die Schwarmintelligenz kann sehr nützlich sein, wenn man sie zur Meinungsbildung nutzt, nicht wenn man hinterher dadurch erst klüger ist, nachdem man sich verrannt hat.

Unsere Medienlandschaft hat sich verändert. Wer nur schnell und viel will, wird reichlich Futter finden. Wer aber Qualität sucht, der wird es immer schwerer haben. Die Freiheit der Presse und die sozialen Medien bedeutet heute mehr denn je die Verantwortung jedes einzelnen, sich Informationen selbst zusammenzusuchen und diese dann zu bewerten. Daran – ganz ohne Polemik – scheitern viele, weil ihnen dafür Zeit, Muße oder auch schlicht die Fähigkeit dazu fehlt. Deswegen bilden sich Echo-Räume rund um die eigene Meinung, Gruppen, in denen man sich wohl fühlt, wo alles wieder stimmig wirkt weil jeder (d)einer Meinung ist – was aber eben nur selten der Realität entspricht, jedenfalls nicht der ganzen.

Die Realität ist leider nur selten einfach, eindeutig und klar, sondern fast immer kompliziert, vielschichtig und hat zwei Seiten.

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