Bedenkliche Tendenzen mit Migrationshintergrund / Spielabbruch in Idstein (CJGL Wiesbaden)

Idstein, 23.5.2017 – Ein Spielabbruch in der C-Jugend Gruppenliga wird ein Nachspiel haben, die Aufgabe der Sportgerichtsbarkeit wird sein zu klären, wer denn eigentlich Täter und wer Opfer ist. Die Vorkommnisse in Idstein sind eine Fortsetzung bereits seit längerem zu beobachtender bedenklicher Tendenzen im Umgang mit Vereinen, die sich der Jugendarbeit mit jungen Spielern mit Migrationshintergrund verpflichtet haben.

Die Berichte klingen wie das gern kolportierte Szenario aus Brennpunkten sozialer Probleme wie Frankfurt Bonames oder Berlin Neukölln: Eine Spielszene im laufenden Spiel erhitzt die Gemüter, die Situation eskaliert, Trainer und Unbeteiligte mischen sich mit ein, der Schiedsrichter fühlt sich bedroht und bricht das Spiel ab. Polizei wird herbeigerufen, Bedrohungslage mit Ausländern. Mittendrin die Mannschaft des VfB Unterliederbach (U15), einem Verein mit traditionell einem der höchsten Anteile an Spielern mit Migrationshintergrund auf dem Platz – und damit auch unter den Zuschauern.

Der VfB Unterliederbach ist kein Unbekannter für die Sportgerichtsbarkeit, immer wieder wurden in der jüngeren Vergangenheit Vorfälle gemeldet, das Meinungsbild ist also schnell gefasst. Doch was, wenn hier nur vorschnell eins und eins zusammengezählt und das eigentliche Opfer zum Täter gemacht wird?

Was Augenzeugen aus Idstein berichteten, war bereits wenige Wochen zuvor in ähnlicher Konstellation beim Gastspiel des VfB in Selters zu beobachten gewesen. Mit der Ausnahme, dass hier die Gemüter beruhigt und das Spiel zu Ende gebracht werden konnte. Doch nicht nur in Selters oder Idstein lohnt ein genauerer Blick, denn die Eskalation ist hausgemacht. Sie wird auf dem Rücken von Vorurteilen gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund ausgetragen und somit dank gezielter Provokationen zur “Self-fulfilling prophecy”.

Es ist kaum ein Jahr her, da wurde in Mainz-Kastel ein C-Junioren-Spieler des VfB beinahe körperlich angegangen von Zuschauern – er hatte die ständigen verbalen Provokationen bzgl. seine ‘Herkunft’ während des Spiels nicht mehr ertragen können und sich beim Verlassen des Spielfelds darüber lautstark beklagt. Zu viel für manchen Zuschauer, wie sich “so einer” so “undankbar” und “respektlos gegen uns Deutsche” verhalten könne. Beleidigungen jenseits der Gürtellinie begleiteten den damals 14-jährigen bis in die Kabine. Kein Einzelfall.

Die Grundtendenz der wieder zunehmenden Ausländerfeindlichkeit begleiten Vereine wie den VfB von Spieltag zu Spieltag. Besonders “scharfe” Schiedsrichter werden präventiv geschickt, wie ein Schiedsrichter selbst mitteilte, um diese schwierigen Spiele zu leiten – und dabei wird die Schärfe durch den scharfen Umgang erst ins Spiel gebracht. Es ist eine gefährliche Spirale.

Der VfB Unterliederbach muss mit diesen Vorbehalten leben, muss versuchen auch selbst die Emotionen im Zaum zu halten, was gerade bei gefühlter Ungerechtigkeit jedem schwer fällt – egal ob Südländer oder Deutschen. Er darf und muss sich dagegen aber auch wehren. Indem er an die Öffentlichkeit geht und sich auch mit rechtlichen Mitteln verteidigt. Schweigen macht es nicht besser, das ist man auch den Jugendlichen schuldig, die die Ablehnung spüren. Aber auch die “deutschen” Mitspieler leiden darunter, können es nicht verstehen.

Als Stiefkind der Frankfurter Stadtväter wird der VfB schon seit Jahren bei der Ausstattung mit einem Kunstrasen-Platz entgegen diverser Zusicherungen übergangen, über die Hintergründe kann man nur spekulieren. Ein signifikanter Standort-Nachteil, der VfB schafft es trotzdem Jahr für Jahr im Jugendbereich große Erfolge zu erzielen und gilt im Umkreis von 50 km um Frankfurt als der Verein mit den meisten Entsendungen an die Nachwuchsleistungszentren. Zu verdanken ist das dem freiwilligen Engagement vieler Trainer und Unterstützer, aber auch der vorbehaltlosen Integration von Talenten mit Migrationshintergrund. Diese Arbeit droht nun mehr und mehr in Misskredit zu geraten, scheitert an den Ängsten vor Überfremdung, gerade außerhalb der Großstädte. Dabei sind die Kinder am Platz alle bestens integriert im Alltag in Frankfurt, sind Mitschüler im Gymnasium oder Freunde beim Turnverein.

In Idstein wurde die Situation – nach Augenzeugenberichten – ausgelöst vom Trainer der Heimmannschaft, als dieser unerlaubt den Platz betrat, während im Folgenden der nur schlichtend eingreifende Trainer des VfB von der Anlage verwiesen wurde. Videoaufnahmen der Situation nach dem Spiel zeigen keinerlei Aggressionen, die einen Polizeieinsatz erfordert hätten, eher viel Verwirrung auf beiden Seiten über den Spielabbruch. Auch neutrale Zuschauer des direkten Gegners um den Gruppenliga-Meistertitel fragten im Anschluss verwundert nach, was denn eigentlich vorgefallen war, immerhin hätte ein Abbruch mit Wertung zu Ungunsten des VfB die Meisterschaft entscheiden. Aber von sportlichen Zielen sprach beim VfB danach erstmal keiner mehr, zu tief saß der Nachhall des Geschehenen.

Eskalationen bei Jugendfussball-Spielen tauchten zuletzt auch in den Medien im Bezug auf generelle Probleme mit Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder mit kritischem Unterton auf. Diese Debatte ist berechtigt, denn sie zeigt Probleme in der Gesellschaft gerade in sozialen Brennpunkten auf. Die Debatte darf aber nicht zu einer undifferenzierten Stigmatisierung in der Breite führen und dabei aktiv praktizierte und notwendige Integrationsarbeit unterwandern. “Für Integration, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit” ist das Leitmotiv des DFB. Dies betrifft nicht nur Mesut Özil oder Jerome Boateng, sondern insbesondere Kinder im Jugendfußball. Und es fängt nicht mit der offenen Ablehnung an, sondern in dem Moment, in dem Vorurteile im eigenen Kopf entstehen, man diese zulässt und nach ihnen handelt.

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