Bedenkliche Tendenzen mit Migrationshintergrund / Spielabbruch in Idstein (CJGL Wiesbaden)

Idstein, 23.5.2017 – Ein Spielabbruch in der C-Jugend Gruppenliga wird ein Nachspiel haben, die Aufgabe der Sportgerichtsbarkeit wird sein zu klären, wer denn eigentlich Täter und wer Opfer ist. Die Vorkommnisse in Idstein sind eine Fortsetzung bereits seit längerem zu beobachtender bedenklicher Tendenzen im Umgang mit Vereinen, die sich der Jugendarbeit mit jungen Spielern mit Migrationshintergrund verpflichtet haben.

Die Berichte klingen wie das gern kolportierte Szenario aus Brennpunkten sozialer Probleme wie Frankfurt Bonames oder Berlin Neukölln: Eine Spielszene im laufenden Spiel erhitzt die Gemüter, die Situation eskaliert, Trainer und Unbeteiligte mischen sich mit ein, der Schiedsrichter fühlt sich bedroht und bricht das Spiel ab. Polizei wird herbeigerufen, Bedrohungslage mit Ausländern. Mittendrin die Mannschaft des VfB Unterliederbach (U15), einem Verein mit traditionell einem der höchsten Anteile an Spielern mit Migrationshintergrund auf dem Platz – und damit auch unter den Zuschauern.

Der VfB Unterliederbach ist kein Unbekannter für die Sportgerichtsbarkeit, immer wieder wurden in der jüngeren Vergangenheit Vorfälle gemeldet, das Meinungsbild ist also schnell gefasst. Doch was, wenn hier nur vorschnell eins und eins zusammengezählt und das eigentliche Opfer zum Täter gemacht wird?

Was Augenzeugen aus Idstein berichteten, war bereits wenige Wochen zuvor in ähnlicher Konstellation beim Gastspiel des VfB in Selters zu beobachten gewesen. Mit der Ausnahme, dass hier die Gemüter beruhigt und das Spiel zu Ende gebracht werden konnte. Doch nicht nur in Selters oder Idstein lohnt ein genauerer Blick, denn die Eskalation ist hausgemacht. Sie wird auf dem Rücken von Vorurteilen gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund ausgetragen und somit dank gezielter Provokationen zur “Self-fulfilling prophecy”.

Es ist kaum ein Jahr her, da wurde in Mainz-Kastel ein C-Junioren-Spieler des VfB beinahe körperlich angegangen von Zuschauern – er hatte die ständigen verbalen Provokationen bzgl. seine ‘Herkunft’ während des Spiels nicht mehr ertragen können und sich beim Verlassen des Spielfelds darüber lautstark beklagt. Zu viel für manchen Zuschauer, wie sich “so einer” so “undankbar” und “respektlos gegen uns Deutsche” verhalten könne. Beleidigungen jenseits der Gürtellinie begleiteten den damals 14-jährigen bis in die Kabine. Kein Einzelfall.

Die Grundtendenz der wieder zunehmenden Ausländerfeindlichkeit begleiten Vereine wie den VfB von Spieltag zu Spieltag. Besonders “scharfe” Schiedsrichter werden präventiv geschickt, wie ein Schiedsrichter selbst mitteilte, um diese schwierigen Spiele zu leiten – und dabei wird die Schärfe durch den scharfen Umgang erst ins Spiel gebracht. Es ist eine gefährliche Spirale.

Der VfB Unterliederbach muss mit diesen Vorbehalten leben, muss versuchen auch selbst die Emotionen im Zaum zu halten, was gerade bei gefühlter Ungerechtigkeit jedem schwer fällt – egal ob Südländer oder Deutschen. Er darf und muss sich dagegen aber auch wehren. Indem er an die Öffentlichkeit geht und sich auch mit rechtlichen Mitteln verteidigt. Schweigen macht es nicht besser, das ist man auch den Jugendlichen schuldig, die die Ablehnung spüren. Aber auch die “deutschen” Mitspieler leiden darunter, können es nicht verstehen.

Als Stiefkind der Frankfurter Stadtväter wird der VfB schon seit Jahren bei der Ausstattung mit einem Kunstrasen-Platz entgegen diverser Zusicherungen übergangen, über die Hintergründe kann man nur spekulieren. Ein signifikanter Standort-Nachteil, der VfB schafft es trotzdem Jahr für Jahr im Jugendbereich große Erfolge zu erzielen und gilt im Umkreis von 50 km um Frankfurt als der Verein mit den meisten Entsendungen an die Nachwuchsleistungszentren. Zu verdanken ist das dem freiwilligen Engagement vieler Trainer und Unterstützer, aber auch der vorbehaltlosen Integration von Talenten mit Migrationshintergrund. Diese Arbeit droht nun mehr und mehr in Misskredit zu geraten, scheitert an den Ängsten vor Überfremdung, gerade außerhalb der Großstädte. Dabei sind die Kinder am Platz alle bestens integriert im Alltag in Frankfurt, sind Mitschüler im Gymnasium oder Freunde beim Turnverein.

In Idstein wurde die Situation – nach Augenzeugenberichten – ausgelöst vom Trainer der Heimmannschaft, als dieser unerlaubt den Platz betrat, während im Folgenden der nur schlichtend eingreifende Trainer des VfB von der Anlage verwiesen wurde. Videoaufnahmen der Situation nach dem Spiel zeigen keinerlei Aggressionen, die einen Polizeieinsatz erfordert hätten, eher viel Verwirrung auf beiden Seiten über den Spielabbruch. Auch neutrale Zuschauer des direkten Gegners um den Gruppenliga-Meistertitel fragten im Anschluss verwundert nach, was denn eigentlich vorgefallen war, immerhin hätte ein Abbruch mit Wertung zu Ungunsten des VfB die Meisterschaft entscheiden. Aber von sportlichen Zielen sprach beim VfB danach erstmal keiner mehr, zu tief saß der Nachhall des Geschehenen.

Eskalationen bei Jugendfussball-Spielen tauchten zuletzt auch in den Medien im Bezug auf generelle Probleme mit Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder mit kritischem Unterton auf. Diese Debatte ist berechtigt, denn sie zeigt Probleme in der Gesellschaft gerade in sozialen Brennpunkten auf. Die Debatte darf aber nicht zu einer undifferenzierten Stigmatisierung in der Breite führen und dabei aktiv praktizierte und notwendige Integrationsarbeit unterwandern. “Für Integration, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit” ist das Leitmotiv des DFB. Dies betrifft nicht nur Mesut Özil oder Jerome Boateng, sondern insbesondere Kinder im Jugendfußball. Und es fängt nicht mit der offenen Ablehnung an, sondern in dem Moment, in dem Vorurteile im eigenen Kopf entstehen, man diese zulässt und nach ihnen handelt.

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So viel zu lesen über Deinen Verein. So viele Infos, so schnelle News, so viele Meinungen, Experten, Einschätzungen, Kommentare. Mutmaßungen, Gerüchte, Stimmungslagen und Insider-Infos, bei denen man manchmal weder den Insider noch die Quelle kennt. Ist Sport in den Medien überhaupt noch glaubwürdig? Kann man den Journalisten noch trauen, die am Tropf der Vereine hängen, die sich gar nicht erlauben können objektiv zu berichten aus Angst, man würde dann gar nichts mehr erfahren, weil heute der Verein von einem einzelnen Journalisten gar nicht mehr abhängt, bei so vielen Medien, der einzelne Journalist aber vom Verein. Und was spielen die sozialen Medien für eine Rolle? Wer informiert sich da von wem? Wer ist noch glaubwürdig und wem kann man trauen? Die Antwort vorweg: Nur sich selbst. Weiterlesen

Keine halben Sachen

Entweder Jogi Löw ist genial oder verfolgt das Prinzip der japanischen Nominierung namens Harakiri.

Im Tor: Neuer, Weidenfeller und Zieler

Der eine verletzt, ein viel zu lange Verschmähter und einer der jungen Garde, mit ner maximal durchschnittlichen Saison berücksichtigt wurde, während der eigentliche Jungstar, der die höchste Auszeichnung, eine Verpflichtung beim FC Barcelona erhielt, mal so eben rasiert wurde.

In der Abwehr: Boateng, Durm, Großkreutz, Höwedes, Hummels, Lahm, Mertesacker

Lahm verletzt, Höwedes war es lange, Boateng als Rechtsverteidiger nicht überzeugend, und ein Durm, der wie Großkreutz noch keine 5 Spiele am Buckel hat. Schmelzer, immerhin in Dortmund eine feste Größe, nach Hause geschickt.

Im Mittelfeld: Draxler, Ginter, Götze, Khedira, Kramer, Müller, Özil, Podolski, Reus, Schürrle, Schweinsteiger

Schweinsteiger verletzt, Khedira war es sehr lange, Ginter und Kramer klare Rookies, ein Taktgeber Özil, der seinen Taktstock meist nicht findet, und ein Überangebot eines gleichen Typus: Reus, Götze, Schürrle, Podolski, Draxler.

Im Sturm: Klose

Sonst nix. Ein dann 36-jähriger Stürmer, der über die halbe Saison verletzungsbedingt ausfiel und bis heute nicht wirklich fit ist.

Eine Mannschaft, die gefühlt aus 1/4 vollkommen unerfahrenen Spieler besteht, 1/4 aus Verletzten und Angeschlagenen und 1/4 aus Spielern, die nicht auf internationalem Niveau spielen bzw. gespielt haben. Das letzte Viertel soll dann wohl das Korsett sein. (Bitte nicht nachrechnen!)

Dass man mit einer deutschen Nationalmannschaft mit einem halben Stürmer (resp. eines halbfitten Oldie), wird nicht nur für das deutsche Selbstverständnis eine Herausforderung sein.

Man kann nun sagen: Jogi Löw ist konsequent und macht keine halben Sachen. Man kann sich aber auch Fragen, warum man mit einer bauchlastigen Mittelfeld-fokussierten Mannschaft, die in Test- und Vorbereitungsspielen vor allem hinten und vorne so ihre Probleme hatte, wirklich den eigenen Anspruch gerecht werden kann, auch nur ansatzweise um den Titel mitspielen zu können.

Geht es gut, alles wunderbar – aber ob das gut geht?

Ballbesitz, das strafbare Zeitspiel

Als sich Sepp Maier noch auf den Ball warf, der ihm vom Kaiser zugeschoben wurde, und man so die Minuten runterspulte, dachte man sich wohl schon: So kann Fußball nicht ewig weitergehen. Und tatsächlich: Anfang der 90er beendete man das Ganze und stellte das Zeitspiel unter Strafe, indem man es den Spielern einfach schwerer machte und dem Torwart verwehrte, den Ball wieder in die Hand zu nehmen. Seitdem hat das Torwartspiel sich stark verändert und die derwallsche defensive Ballzirkulation, auch Zeitvergeudungstaktik genannt, und in Gijón 1982 perfektioniert und im WM-Finale 1990 vergoldet, fand durch die Einführung der Rückpassregel ein Ende.

Ziel und Zweck: Den Zuschauern ein flotteres Spiel bieten, den Geist des Spiels erhalten. Wenn eine Mannschaft zu lange den Ball oder das Spielgerät besitzt, ohne wirklich zum Unterhaltungswert beizutragen, wird das auch in anderen Sportarten geahndet. Im Handball als „Passives Spiel“, und sogar beim Tischtennis erlöst man ermüdete Zuschauer durch die Regeln der „Wechselmethode“. Im Schachsport kennt man Zeitvorgaben sowieso, aber auch im Baseketball zählt die 24-Sekunden-Regel (bzw. 8-Sekunden-Regel).

Im Fußball ahndete man Zeitspiel dagegen nach Einführung der Rückpassregel nur noch beim ruhenden Ball. Wer sich bei Ein- und Auswechslungen zu lange zu schaffen macht oder beim Ausführen eines Einwurfs oder Freistoßes trödelt, der kann verwarnt werden und die Zeit wird nachgespielt (zumindest theoretisch). Aber was ist, wenn die Mannschaft einfach zu gut ist, um den Ball zu verlieren, aber auch nicht gut genug (oder willens), den Angriffszug zum Abschluss zu bringen?

Wer sich die letzten Erfolge der spanischen Nationalmannschaft besah, der kam nicht umhin das Tiki-Taka zunächst zu bewundern, schnell aber hassen zu lernen. Auch der FC Barcelona trieb dieses Spiel bis zum Exzess, bis es dann endlich zusammen mit ihrem Schöpfer, Pep Guardiola, erfolgreich nach Deutschland importiert wurde. Nun darf sich auch in Deutschland jedes Wochenende eine Mannschaft an 20-30% Ballbesitz erfreuen. Doch auch international erlebte man das gleich im Doppelpack an jenem Dienstag, den 1.4.2014, ohne Scherz, als zeitgleich im Viertelfinale der FC Barcelona auf Atletico Madrid traf und Bayern München auf Manchester United. Nahezu eine Stunde übertrafen sich die Brüder im Geiste mit gleichnamigen Namenskürzel #FCB an Ballbesitz. Ermüdend, langweilig, unerotisch – solange man das nicht gerade selbst Fan war und die Momente des ZEN genießen konnte. Dass nach knapp 1 Stunde dann beide bis dato stets nur hinterherhechelnden Gegner in Führung gingen, durch eine Ecke respektive einen Sonntagsschuß, war dabei noch die Ironie der Geschichte. Für das Rückspiel hat man sogar eine öffentliche TV-Übertragung angedroht.

Stellte sich die Frage: Bräuchte der Fußball auch eine kleine Zeitspiel-Revolution? Ist ein „offensiv ausgerichtetes, aktives“ Zeitspiel nicht gar eine Art Oxymoron, also sich selbst widersprechend? Immerhin liegt es ja am Gegner, den Ballbesitz zu erobern – frei nach Giovanni Trappatoni: „Es gibt nur einen Ball. Wenn der Gegner ihn hat, muss man sich fragen: Warum!? Und ihn sich wieder holen!“. Doch genau da liegt die Krux, wenn der Gegner zu überlegen ist und technisch zu versiert. Und da ist die Analogie zum zwischenzeitlich verbotenen Rückpass vielleicht dann doch nicht weit. Wenn ein System beginnt sich selbst zu verfangen, muss man dagegen etwas unternehmen, damit es sich nicht selbst auffrisst. Spiele wie einst unter Derwall oder beim berühmten italienischen Catenaccio wollte ja auch keiner mehr sehen nach einer Weile. Bei den Passmaschinen aus Spanien und Bayern geht es einem zwischenzeitlich auch so.

Warum nicht über eine zeitliche Limitierung eines Angriffszuges nachdenken? Vielleicht wie im Handball. Wenn über eine gewisse Zeit nicht erkennbar ist, dass wirklich ein Abschluss der Offensivaktion zu erwarten ist, deutet dies der Schiedsrichter erst an und entscheidet dann auf Ballbesitz des Gegners. Ungerecht? Möglicherweise. Aber im Geist des Sports und im Sinne des Zuschauers berechtigt? Immerhin würde es Abschlüsse aufs Tor fördern und auch dem wacker sich verteidigenden Gegner eine kleine Restchance zurückgeben, die zumindest in der Saison 2013/2014 in der Bundesliga nicht mehr ersichtlich war und teilweise schon dazu führte, dass gegnerische Trainer ihre besten Spieler für wichtigere Aufgaben als dieses aussichtslose Unterfangen schonte. Und das kann perspektivisch ja wirklich nun auch nicht im Interesse aller sein.

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Votum: ‚Der 5. Offizielle‘ statt Torlinientechnik

Es ist nicht gerade populär dagegen zu sein (vgl. Fanorakel), aber die Ablehnung der Torlinientechnik ist richtig – allerdings sind die benannten Argumente wenn auch nicht ganz falsch, aber doch insgesamt unzureichend. Denn das Problem ist ja da, nur die Lösung taugte nicht.

Hauptargument gegen die Einführung: Zu teuer für zu wenig Effekt. Und das ist im Grunde auch richtig, wie das Trainer Baade auch zutreffend zusammenfasst. Für ein Problem, das man statistisch im Schnitt alle 20 Jahre nur beheben müsste, so einen Aufwand zu betreiben und zugleich den Fußball so in seinen Grundfesten der Tatsachenentscheidung zu erschüttern, ist die Torlinientechnik ein klassisches „mit Kanonen auf Spatzen schießen“ – oder eben: Aktionismus. Ein Aktionismus befeuert von einer Medienhysterie, die, ebenfalls von Trainer Baade treffend aufgezeigt, eigentlich Teil des Konzepts ist. Die Medien eskalieren die Fehlentscheidung, weil ihr Zweck die Eskalation ist, denn Eskalation ist deren Geschäft. Die Einführung der Torlinientechnik hätte am Ende viel Geld verblasen und den Medien nur einen Aufreger beraubt in einem Sport, der nur mit viel gutem Willen überhaupt ausreichend aufblasbar ist, um daraus ein 24/7 Unterhaltungs-Programm zu befeuern.

Wenn man bei SPON also titelt: „DFL-Absage an Torlinientechnik: Klare Fehlentscheidung„, weil man damit den (armen) Schiedsrichter weiter allein in der großen Medienwelt stehen ließe, dann argumentiert man mit den richtigen Argumenten für die falsche Sache. Denn die Einführung einer solchen Technik hätte doch nicht das Problem behoben – es hätte einen Teil des Problems behoben, dazu einen eher statistisch vernachlässigbaren, wenn auch im Fall der Fälle sehr spektakulären.

Der Vergleich mit der Einführung der Umweltplakette in deutschen Städten mag an vielen Stellen hinken, in einem Punkt aber nicht: Man erkennt einen Missstand, ein Problem, spürt (medial befeuert) den politischen Druck zu handeln, wägt unter unzähligen Möglichkeiten ab, um dann am Ende etwas zur Entscheidung vorzulegen, was nach Außen irgendwie schlüssig klingt, im Kern aber kaum an das Problem herangeht und vor allem mit möglichst viel Aufwand möglichst wenigen weh tut. In der Politik nimmt man das Geld aus der Staatskasse, daher ist das am Ende nicht relevant, bei den Fußballvereinen hätten die die Zeche selber zahlen müssen und lehnten daher zu Recht ab. Für solche Alibi-Projekte Geld aus dem Fenster pulvern – Nein.

Warum der SPIEGEL trotzdem Recht hat: In einer Zeit, wo nach Sekunden das halbe Stadion schon mehr weiß als der Schiedsrichter am Platz, ist der Einwand der Traditionalisten eine Farce. Der Schiedsrichter wird zur Zielscheibe eines Blinde-Kuh-Spiels, bei dem der Zuschauer und die Medien beiwohnen dürfen, ob der Unparteiische den Topf am Ende mit verbundenen Augen zielsicher trifft, was ihm aufgrund seiner Ausbildung und Schärfung der Sinne im Übrigen bemerkenswert oft gelingt. Bei Collinas Erben wurde neulich ein Beispiel besprochen, wo eine Stadiondurchsage zur Pause durchgab, dass eine bestimmte Entscheidung in Halbzeit 1 falsch war. Ein Verstoß gegen die Stadionregeln und folglich zu unterlassen – aber am Ende doch nur etwas, was ja jeder schon weiß. Via Twitter & Co. wird heute ad hoc mitgeteilt ob ein Abseits auch Abseits war – von den Zuschauern zu Hause am Bildschirm.

Die Ablehnung der Torlinientechnik ist richtig, weil sie zu kurz greift und in die falsche Richtung geht. Es geht nicht um die technische Lösung von Einzelproblemen, es geht um die Unterstützung der Unparteiischen um sie auf den gleichen Stand wie die Zuschauer zu bringen. Und genau dies legitimiert auch den Unterschied zum Amateuerfußball. Wo alle Beteiligten sich nur auf die Tatsachenentscheidung berufen können, ist es legitim dies durch einen Unparteiischen bestimmen zu lassen. Wo aber bereits ein unglaublicher medialer Aufwand betrieben wird, dort sollte dies auch dem Schiedsrichter zu seiner Entscheidungsfindung zur Verfügung stehen.

Das Argument: Der Fußball lebe auch von Fehlentscheidungen, macht die Schiedsrichter zum Spielball medialer Entrüstung. Es schützt sie nicht, es opfert sie dem Bedürfnis der Medien nach Aufregern, um sie dann genau mit den Mitteln vorzuführen, die dem Schiedsrichter bei der Entscheidungsfindung verwehrt werden. Für eine echte Lösung gibt es viele Modelle vom Schiedsrichtertribunal bishin zu technischen Visionen mit Datenbrillen, die naheliegendste und wahrscheinlich in 90 % einfachste Lösung ist und bleibt aber der „5. Offizielle“, ein weiterer Schiedsrichter, der sich schlicht und ergreifend dessen bedient, was jeder im Schneideraum einer Fernsehanstalt auch zur Verfügung hat. Sieht er eine klare Fehlentscheidung, eine ungesehene Tätlichkeit, ein Vorkommnis im Rücken des Schiedsrichters, signalisiert er das genau so wie der Linienrichter am Spielfeldrand. Der kann dann per Headset nachfragen, kann seine Entscheidung korrigieren, im Zweifel am Monitor neben dem Spielfeldrand überprüfen oder schlicht ignorieren, wenn er dem nicht folgen will. Keine kruden Lösungen wie die Challenge im Tennis, einfach eine Unterstützung des Schiedsrichters unter Ausnutzung aller Mittel, die schlicht zur Verfügung stehen.

Mit dem „5. Offiziellen“ bliebe alles wie gehabt. Keine teuren Anschaffungen, der Hauptschiedsrichter bleibt Herr des Geschehens, keine Regeländerung, keine großen Verzögerungen jenseits dessen, was auch aktuell bei einer Rücksprache zwischen den Unparteiischen erfolgen würde. Dies würde vielleicht keine 100% bedeuten, die es im Übrigen gar nicht geben kann, denn viele Entscheidungen sind auch nach Zeitlupe nicht wirklich zu klären, aber es würde die ganz krassen Fehler und versteckten Unsportlichkeiten eliminieren, die ja eigentlich keiner im Sport sehen will. Die Grenzbereiche ließen noch genug „Reiz der Fehlentscheidung“ und der Schiedsrichter wäre zumindest auf den Stand eines Zuschauers am Fernsehsessel oder mit einem Smartphone in der Hand.

Bleibt nur die Frage: Warum zieht man eine Torlinientechnik überhaupt in Erwägung, malt mit Spraydosen Linien auf den Rasen, stellt zusätzliche Assistenten neben Pfosten, die am Ende so gut wie nie aktiv werden, kann sich aber mit dem naheliegendsten, wie eben einen „5. Offiziellen (aka Videoschiedsrichter)“, das zudem so gut wie nichts kosten würde, so wenig anfreunden?

Fußball ist kein schöner Sport

90 Minuten Fußball ist langweilig. Darum schauen viele lieber die Zusammenfassung der Tore oder verfolgen die Konferenz.

Gegenfrage: Welcher Sport ist denn “schön anzuschauen”? Wenn sich beim Eishockey dick eingepackte Kraftpakete an die Wand knallen und um ein schwarzes Ding kämpfen, das man mit bloßen Auge oft nicht mal verfolgen kann? Basketball? Wenn 2-Meter-Menschen in trotzdem noch zu großen T-Shirts hin und herlaufen um einen orangenen Ball in ein Körbchen zu werfen? Skispringen? Reiten? Tennis? plopp – plopp – plopp – plopp – ahhhhh.

Da ist Fußball ja fast noch unterhaltsam gegenüber so manchem anderen Wettbewerben. Es sei denn man begeistert sich bspw. für Menschen die sich im Kreis wie verrückt drehen um dann eine Scheibe oder eine Kugel an einer Kette möglichst weit weg zu werfen.

Man versuchte aus Fußball nur einfach mehr zu machen als da ist. Angefangen hat das so richtig bei RAN im Jahr 1986, wo man im Folgenden versuchte aus dem sonst üblichen (drögen) Sportschau-Format eine Show zu machen. Und je mehr man dafür an Lizenzen auf den Tisch legte, desto mehr musste aus dem ganzen auch gemacht werden. Jeden Spieltag ein “Top-Spiel”, alles unter 200km Distant ein Derby, keine Fehlentscheidung ohne eine Diskussionsrunde unter “Experten”.

Fußball hat sich nicht so sehr verändert, jedenfalls nicht im Sinne des Unterhaltungswertes. Und trotzdem sehe ich es gerne an. Weil es spannend ist, weil man nie genau weiß, was passiert. Und ich schau mir auch gern E- und D-Jugend-Spiele an – aber auch da brauch ich eine emotionale Beteiligung (in dem Fall mein Sohn), und auch in dem Fall brauche ich ein gewisses Maß an Wissen, damit mir das Spiel Spaß macht zuzusehen. Dann wird es nämlich auch zu einer Art Schach, wenn du weißt was Trainer A und B vorhaben, wie sie ihre Systeme variieren um Finten zu parieren. Und das ganze dann noch mit “lebenden” Figuren, die Fehler machen, die mal etwas überraschendes auspacken.

Nein. Fußball ist überhaupt nicht langweilig und “schön” ist einfach der falsche Begriff. Es ist ein Sport, das scheinen einfach viele zu vergessen. Sport ist nicht darauf ausgelegt zu unterhalten, sondern sich zu messen – und dieses sich messen kann unterhaltsam sein, muss es aber nicht, weil es per se nicht sein Ziel ist. Will man was anderes, kann man sich bei den Erfahrungen mit Wrestling bedienen.

Leider obsiegt bei mir bisweilen die emotionale Befangenheit allerdings dann zu sehr, so dass ich eher die Faszination des Sports aus den Augen verliere und nur noch wie ein Kaninchen vor dem Bildschirm harre. Aber gelangweilt habe ich mich bei einem Spiel meines Herzensverein eigentlich wirklich noch nie.

Fußball-Lebens-Abschnittsgemeinschaften

Kaum ist ein Spieler über eine halbe Saison mal vorne dabei, schon fürchten Fans landauf, landab die Abwerbungsversuche, die dienstfertig auch sofort von den Medien befeuert werden. Ob dann von Beratern lanciert, medialen Phantasien entsprungen oder schlicht von erfundenen Journalisten gestreut. Ist da denn keiner mehr, der den Bund für’s Leben mit seinem Verein schließt?

Man muss sich wohl generell von der Romantik früherer Tage lösen – und das ist nicht mal desillusioniert gemeint. Vielleicht muss man es ähnlich wie das moderne Eheverständnis in Deutschland sehen. Fast 40% der heute geschlossenen Ehen überstehen statistisch keine 25 Jahre – früher war das sicher mal anders. Früher hat man eben auch bei seinem Verein angefangen und nur dann den Verein gewechselt, wenn irgendwas ganz Verrücktes passierte, allein schon weil man ja da kickte, wo der „echte“ Arbeitsplatz war und man im Fußball so viel nicht verdiente. Früher hat man aber auch eben diesen „echten“ Arbeitsplatz ganz generell nicht gewechselt wie manche heute die Hemden, die Zeiten waren halt anders.

Die „moderne“ Gesellschaft ist eine „Lebensabschnittsgesellschaft“ geworden. Man teilt Bett, Arbeitsplatz und (als Fußballer) eben auch Verein nur für eine gewisse Dauer. In der Zeit versucht man das Maximale aus und für sich rauszuholen und schaut dann weiter bzw. währenddessen gern auch schon mal nach nächsten Optionen. Karriereplanung nennt man das. So werden unsere Kids heute großgezogen, von Medien berieselt, von Beratern beraten. Läuft es in der Ehe nicht mehr rund, dann wird sich halt getrennt, geht es im Beruf nicht mehr weiter, wechselt man eben woanders hin – Fußballer sind da auch nicht anders, wieso sollten sie auch. Das „Spiel“ ist ja gegenseitig. Auch der Partner verlässt einen, wenn die gewünschte Dauer-Zufriedenheit nicht erreicht wird, und der Verein verlängert deinen Vertrag nicht, wenn er von einem nachrückenden Spieler mehr erwartet oder der für weniger Geld das gleiche liefert. Wer heute 20 Jahre bei seiner Firma ist (oder dabei nicht mindestens Teilhaber wurde), gilt als „bequem“ und mit „fehlendem Ehrgeiz“.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Auch manche Ehen halten, auch ganze Berufsleben vergehen ohne Wechsel und auch Fußballer bleiben vom Jungspieler bis Karriereende – aber selbst das ist nicht immer und durchgehend romantisch motiviert, manchmal ist es eine Zweckgemeinschaft, manchmal fehlte es auch einfach nur an Alternativen.

Und jedem ist ja unbenommen seinen Idealen zu folgen, als Verein und als Spieler – und manchmal auch zusammen. Man muss also nicht aufhören an die große Liebe, die Loyalität und die Vereinstreue zu glauben, man muss nur aufhören es (von anderen) zu erwarten. Wenn es so kommt und alle glücklich sind, dann ist es ein Geschenk – und im Fußball eine Legende geboren. Aber wenn nicht, dann muss man sich auch damit arrangieren. Und manches mal bekommen Dinge später auch eine zweite Chance, da sollte man vielleicht nicht zu schnell die Tür für immer zumachen. Fans sind da sehr schnell dabei, den „Judas“ zu verbannen…

Man darf sogar davon ausgehen, dass man Spielern wie aktuell dem Schweizer Drmic oder Kiyotake beim 1. FC Nürnberg, die „Durchgangsstation“ sogar extra als solche schmackhaft machte, genau DAMIT sie zum FCN kommen. Man bietet diesen Talenten eine Chance, verspricht ihnen Weiterentwicklung und(!) auch die Möglichkeit sich für größere Aufgaben zu empfehlen und so Spieler wie Verein zu einer „Win-Win-Situation“ zu verhelfen. ‚Du spielst erfolgreich bei uns, wir lassen dich dann ziehen, alle verdienen gut dabei.‘ Wäre es denn wirklich besser, wenn Kiyotake heute noch bei Katiora FC kickte, ein Drmic bei FC Rapperswil-Jona oder ein Miro Klose bei SG Blaubach-Diedelkopf? Nein, die Spieler waren ehrgeizig genug um den nächsten Schritt zu machen. Soweit die Füße eben tragen – den einen bis in die Champions League, der andere stolpert beim kleinen Bundesligaverein schon über selbige und er muss erkennen, dass es für ganz oben doch nicht reicht.

Eine Fußball-Zweckgemeinschaft, die durchaus auch mit Zuneigung und Identifikation ausgefüllt sein kann – auch wenn dem Ganzen der echte Pathos vielleicht fehlt. Ein Pathos, den mancher Fan sich doch so gerne wünschte. Das darf er auch, denn es ist vielleicht eines der wenigen Dinge, die sich im Leben dann doch nie ändern: Die Liebe des Fan zu seinem Verein.

Aber vielleicht auch nur deshalb, weil es außerhalb der gemeinsamen 90 Minuten nicht um das eigene Leben geht.

Zitat

„In München wird nicht gejubelt, dort gratuliert man sich.“

hr1 – Radio

Präzendenzfall 1860

Kurzmitteilung

Im Prinzip kann sich Fußball-Deutschland beim TSV 1860 München ja bedanken. Durch den beispiellosen Einsatz schuf man einen Präzendenzfall, dem in der Bundesliga mit Sicherheit keiner mehr nachahmen will und der immer als mahnendes Beispiel aus der Schublade gezogen wird, sollte sowas auch nur entfernt im Raum stehen.

Zitat

Klopp: „Es ist leicht so zu tun, als könnte man kämpfen, aber man kann nicht so tun, als könnte man spielen.“ (Sky Sport News HD)